Die Milch

„Was?“ „Was, was?“ „Ja, was?“ … „Was willst du?“ „Nein. Du willst doch was!“ „Willst du mich verarschen?“ „Ist das eine Fangfrage? Du schreist doch herum!“ „Ja eh!“ … „Also nochmal: WAS?“ „Die Milch, Quentin! Die Milch!“

Quentin schaut Ramona fragend an. Die wiederum schaut ihn auffordernd an und wachelt mich einem Milchpackerl herum. Quentin überlegt was es mit diesem Milchpackerl auf sich haben könnte und plötzlich ändert sich sein Gesichtsausdruck. „Ui.“, sagt er. Mehr nicht. „Ui? Mehr fallt dir nicht ein? Du lasst sechs Liter Milch draußen stehen und mehr als ui fallt dir nicht ein???“. Naja, was soll man da jetzt groß sagen. Möglicherweise ist es ihm, unter Umständen passiert, dass er eventuell die Milch nicht wieder in den Kühlschrank geräumt hat nach seinem Training gestern.

Nachdem nämlich sein Gym seit Wochen zu ist und laufen echt kein Sport ist, macht er halt ein bissi Gewichttraining mit dem was er findet. Im aktuellen Fall warens eben die Milchpackerl. Das geht gut, wenn man sie in ein Sackerl packt und anhebt. Not macht erfinderisch und er hat sich schon überlegt ob er seine Fitnessweisheiten nicht zu Geld machen soll! Quentins Gedanken drehen sich um YouTube Channels und Insta Storys, was auch deutlich an seinem Gesichtsausdruck zu erkennen ist. Versonnen schaut er in die Luft und sieht sich selbst schon als DER Fitnessguru mit Millionen von Followern. Voll leiwand!

Das bringt Ramona nur noch mehr auf die Palme. Ausgerechnet ihr, der sonst so ausgeglichenen und fröhlichen Ramona, passiert sowas. Dem Sonnenschein in dieser seltsamen WG. Der, die immer alles im Griff und zu jedem Problem eine Lösung parat hat. Eigentlich würde sie sich nicht so aufregen, wäre es nicht Tag 25 der Ausgangsbeschränkungen und wäre sie nicht seit 25 Tagen an diese Wohnung gefesselt! Wobei die Wohnung nicht das eigentliche Problem ist, sondern deren Bewohner. Aber Ramona tut, was Ramona immer tut in Konfliktsituationen: sie lächelt sie weg! Aber innen drin, ganz innen drin, da brodelts.

Quentin räumt das Feld und trifft im Gang auf Wu Han, der vor der Badezimmertür steht und dagegen klopft: „Pandemia, jetzt komm endlich raus! Hier wohnen auch noch andere Leute!“ Aus dem Inneren des Badezimmers ist leises Wimmern zu vernehmen unterbrochen durch herzzerreißendes Schluchzen. Doch Antwort kriegt er keine. Er bumpert weiter an die Tür. Wenn er was gelernt hat, dass ist es, dass man nur mit Hartnäckigkeit ans Ziel kommt.

Außer man hat es mit einer recht sturen Waldviertlerin zu tun, deren Haupthaar nach nunmehr vierwöchiger Friseurabstinenz, nicht mehr ganz so blond war, wie gewohnt. Dieser Umstand hat Pandemia dazu bewogen, dem Problem mit einer, von Kevin mitgebrachten, Haarfarbe vom Billa zu Leibe zu rücken. Was sich als zweitbeste Idee herausgestellt hat, weil sie nun ausschaut wie ein Glückskatzerl! Die Verzweiflung ist ihr ins Gesicht geschrieben, als sie nun ruckartig die Tür aufreißt, den verdutzten Wu Han anknurrt und türenknallend, mit wallender, dreifärbiger Mähne in ihr Zimmer entschwindet. Wu Han und Quentin zucken mit den Schultern. „Die Babsi halt.“, sagt Quentin und zieht sich ebenfalls zurück.

Kevin schlurft in die Küche. Nicht, weil er müde oder erschöpft ist, sondern weil das seine ganz normale Fortbewegungsart ist. „Ist Milch da?“

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