Jeder kriegt was er verdient

Man sagt oft: „Jeder kriegt was er verdient“. Das beruhigt uns in irgendeiner Art und Weise und kann in fast jeder Situation angewendet werden. Es gibt uns die Möglichkeit unsere Schadenfreude, die ja allgemein nicht als Tugend gilt, zu rechtfertigen. Aber auch die Hoffnung, dass einer Ungerechtigkeit irgendwann Genüge getan wird. Andererseits gibt es auch die Frage, die man an sich selbst gerichtet stellt: „Womit hab ich das verdient?“. Und dann gibt es noch die weise Aussage, dass jeder die Kinder kriegt, auf Anzahl und Wesen bezogen, die er verträgt. Oder erträgt. In meinem Fall wären das aktuell etwa -3. Also insgesamt 4 weniger als ich habe.

Bevor man ein Kind zur Welt bringt, hört man oft den Satz: „Du wirst sehen, das ist so schön mit Kind! So schön! Die geben so viel zurück!“ Den Satz hört man in erster Linie von Leuten die bereits Kinder haben. Bis heute weiß ich nicht ob der Satz reine Boshaftigkeit und Schadenfreude inne trägt oder als geheime Botschaft gemeint ist und eigentlich aussagen soll: “ TU.ES.NICHT!“. Egal in den meisten Fällen ist der Zug sowieso schon abgefahren und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Und dann ist es also da! Dieses Bündel Mensch. Und fängt unverzüglich an zu nehmen. Ziemlich wahllos alles was es erwischt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das hat sich die Natur eigentlich recht schlau ausgedacht! Später natürlich, wenn das Menschenkind größer ist, ist diese Verhaltensweise nicht mehr erwünscht. Sozialisieren heißt das. Dann wird geteilt und Geduld erwartet und Manieren werden beigebracht. Zuerst freut man sich den sprichwörtlichen Haxn aus, weil es gerülpst hat, um es 2-3 Jahre später genau dafür zu tadeln. Das mittelgroße Kind musste übrigens nie teilen wenn es nicht wollte. Es hat irgendwann damit angefangen es freiwillig zu tun. Bis dahin hab ich viele böse Blicke von Müttern geerntet am Spielplatz, weil ich es immer gut fand wenn das mittelgroße Kind lautstark die unverzügliche Rückgabe seines Schauferls gefordert hat. Nehmt euch gefälligst selbst Sandspielzeug mit!

Aber zurück zum Anfang. Es nimmt mal. Schlaf. Grad am Anfang besonders viel Schlaf. Unterbrochen von, ich nenne sie Mitleidsnächte, in denen der Nachwuchs plötzlich 8 Stunden am Stück schläft ohne einen Mucks zu machen und man selbst auch wieder etwas Schlaf bekommt. Wenn man schlafen kann und nicht alle 2 Minuten schaut ob es noch atmet. Dann nimmt es sich Platz. Jede Menge Platz. Ich frag mich oft, warum der kleinste Mensch in diesem Haushalt so unfassbar viel Platz braucht! Ja ich weiß, dass ich an dem Zustand nicht ganz unschuldig bin. Vor Kind war ich felsenfest davon überzeugt, dass das Spielzeug sicher nicht im Wohnzimmer landet. Ha! Wie naiv man doch ist! Das hat sicher was mit den Hormonen zu tun. Vor Kind hatte ich einen Plan, na gut nennen wir es eine Vorstellung, vom Leben mit Kind. Heute kann ich ruhigen Gewissens sagen, dass ich eine Illusion vom Leben mit Kind hatte. Weil 1. kommt es anders und 2. hat man keine Ahnung, wie anders!

Zuerst sehnt man das erste Wort herbei. Sagt es dem glucksenden Menschlein vor. Immer und immer wieder. Und irgendwann sagt es dann laut und deutlich. “ Mama.“ Man hat Tränen der Rührung in den Augen, ist entzückt von der Sprachgewandtheit! Um sich zwei Wochen später die Frage zu stellen: „Warum hab ich ihr verraten wer ich bin!?“ Seit das mittelgroße Kind Mama sagen kann, macht es schier inflationären Gebrauch davon. Gefühlt jeder Satz beginnt mit Mama. Oft kommt danach gar nichts und ich steh da und warte, was es will und dann kommt nichts. Es verwendet das Wort nur dazu, mich zu lokalisieren glaube ich. Weil ich sag natürlich automatisch: „Ja?“. Und dann kommt nix. Aber es weiß dann wo ich bin und das reicht oft schon als Antwort. Erstaunlicherweise löst das Wort trotzdem noch immer keinen Fluchtreflex aus! Noch so eine schlaue Natureinrichtung. Man freut sich wie wahnsinnig über die ersten Schritte und merkt nicht, dass das eine Falle ist. Die personifizierte Entschleunigung sage ich. Ab dem Zeitpunkt verbringt man verdammt viel Zeit mit warten. Oder rennen, wenn das Kind das Gelernte dazu verwendet abzuhauen bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Das Leben wird von einem Tag auf den anderen bestimmt von einer Aneinanderreihung von Phasen. Oder Schüben! Oder einer Kombination aus beidem. Auch wenn man nach ein paar Jahren dann schon weiß, dass das so ist, zehren diese Phasenschübe doch auch an den Nerven. Mal mehr mal weniger. Aber es ist irgendwann der Punkt erreicht, da muss man sich raus nehmen. Ein Punkt an dem einfach alles schon nervt und das Kostüm so dünn geworden ist, dass es bestenfalls noch durchsichtig aber eben doch noch vorhanden ist. Es gibt sicher Mütter, die schaffen das alles mit links. Ich frag mich ja oft wie man das Leben mit mehr als einem Kind stemmen kann. Oder warum man überhaupt mehr als eines bekommt, wenn man doch dann dieses Vorwissen schon hat! Ich gehöre eindeutig nicht dazu. Ich gehöre zu denen, die kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie aus rein egoistischen Gründen die Brut extern betreuen lassen und sich selbst was Gutes tun. Und so blicke ich, mit stündlich steigender Vorfreude, ein paar Tagen nichts tun mit der BFF in der Therme unseres Vertrauens entgegen. DAS hab ich mir nämlich verdient.

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