Erster Blogbeitrag

Hervorgehoben

„Jetzt schreib doch mal was!“ Diesen Satz hab ich so oft gehört, dass ich ihn beherzigt habe. Dann schreib ich halt mal was!

Mein Name ist Nicole, ich bin 40 Jahre alt und wohne in der Nähe von Wien. Ich bin Frau, Mutter, Lebensgefährtin, Chefin. Meine Interessen sind vielfältig und so soll auch dieser Blog sein.
Dieser Blog ist kein Mama-Blog. Er ist auch kein Food-Blog und auch kein Literatur- oder Movie-Blog. Er ist ein Allround-Blog! Mein Blog. Ich schreibe diesen Blog nicht um zu einem bestimmten Thema zu informieren. In erster Linie schreibe ich des Schreibens Willen. Um zu unterhalten. Mich und vielleicht auch andere.

 

Der Besuch

Tag 40. Es ist Donnerstag. Nein Freitag. Oder doch schon Samstag? Kevin ist vorhin arbeiten gegangen, also ist es mal sicher kein Sonntag! Eigentlich ist es eh egal was für ein Wochentag ist. Es ist auf jeden Fall ein Tag. Ein weiterer Tag an dem es so dahinplätschert. Pandemia hat ihr Formtief übertaucht und sitzt lesend im Wohnzimmer, als es an der Tür läutet. Pandemia schreit: „Ich geh schon!“, und hüpft frohen Mutes in Richtung Wohnungstür. Wer mag das wohl sein? Der nette DHL Fahrer mit einem Packerl? Ein Brief mit einem unerwarteten Rollenangebot? Oder gar ein anonym abgelegter Blumengruß von einem geheimen Verehrer? Pandemias Herz schlägt schneller! Sie macht dir Tür auf und vor ihr steht: „Papa?“

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Vor ihr steht tatsächlich ihr Vater in voller Lebensgröße und Fülle. Er wirkt etwas gehetzt, schwitzt leicht und ist außer Atem. „Papa was machst du hier?“, fragt Pandemia ihn. Sie zieht ihn in die Wohnung um ihn und sich selbst vor den neugierigen Blicken diverser Nachbarn zu schützen.

„Babsi, mein Mauserl! Komm lass dich drücken, wir haben uns ja so lang nicht gesehen!“ Und schon hat er seine Tochter im Klammergriff, dass ihr kurz die Luft wegbleibt. Als sie sich aus seiner Umarmung befreit hat fragt sie nochmal: „Papa! Was. Machst. Du. Hier? Du bist über 70 und hast Diabetes! Du bist Risikogruppe!“ „Geh! Risikogruppe! Mir geht´s doch gut. Ich hab ja nix! Und außerdem hat mich die Mama geschickt. Schau, sie hat was gemacht für dich.“ Feierlich überrreicht er ihr eine großes IKEA Sackerl voll mit Tupperware in diversen Größen und Farben. „Und ich war am Weg noch was einkaufen für dich, damit du uns nicht verhungerst.“ „Papa, ich verhunger nicht und du sollst eigentlich gar nicht einkaufen gehen, geschweige denn in der Gegend spazieren fahren und ich find das echt lieb von der Mama aber wer soll denn das alles essen?“ „Das kann man eh gut einfrieren, sagt die Mama!“, erwidert Pandemias Vater.

Diese beschließt das jetzt einfach alles so hinzunehmen und bietet dem Papa, wenn er doch schon mal da ist, einen Kaffee an. Und so sitzen sie nun im Wohnzimmer und der Papa erzählt, dass es allen sehr gut geht und der Krisetof, Pandemias älterer Bruder, würd eh einkaufen gehen. Also die großen Sachen halt. Aber die Kleinigkeiten könnens eh beim Nah&Frisch holen. Er bleibt halt dann meistens draußen stehen, weil er kann nicht so gut atmen mit diesem Fetzen vorm Gesicht und er trascht halt dann in der Zwischenzeit mit den anderen Gatten, die auch vorm Geschäft warten. Natürlich mit Abstand, außer sie machen dann gemeinsam das Kreuzworträtsel in der Krone fertig, weil die Damen so lang brauchen drin mir ihren Besorgungen. Die Mama würd sich aber eh auch brav an die Regeln halten. Sie plaudern halt jetzt immer vor der Wurschttheke, weil dort ist genug Platz, da kann man auch locker zu viert stehen mit Abstand und die Maske tuts auch ganz selten runter. Nur wenns mit wem redet. Sonst hat sie das Gefühl, dass sie so schreien muss und das ist ja auch blöd. Aber er findets wirklich gscheid von den alten Leuten, dass die daheim bleiben! Sehr vernünftig von denen. Ist dann auch für die normalen Leute sicherer, wenn die zuhause bleiben. Und jetzt muss er aber auch schon wieder los, weil heute fahrens noch ins Lagerhaus nach Zwettl Pflanzen kaufen. Er drückt seine Tochter nochmal, gibt ihr ein Bussi auf den Mund, nennt sie Babsimausi und zieht von dannen.

Pandemia bleibt halbwegs fassungslos zurück und ist unschlüssig ob sie zuerst Händewaschen oder lieber gleich duschen soll und beschließt stattdessen erstmal den Inhalt des IKEA Sacks zu inspizieren. In der Küche trifft sie auf Quentin, der gerade mit seinem Training fertig geworden ist und sie fragt: “ Wer war das an der Tür vorhin?“ „Mein Vater mit einem Care-Sackerl von der Mama und der ist echt arg drauf!“ Quentin öffnet den ersten Deckel. Kalter Schweinsbraten. Mhhh. „Stell dir vor, der fahrt einfach so von Rappottenstein 160 Kilometer quer durch Niederösterreich um mir Essen zu bringen!“ In der zweiten Dose: Mohnkuchen. Leiwand! „Und dann erzählt er mir noch ganz locker, dass er eh NUR zum Nah&Frisch fahrt mit der Mama.“ Dose drei: irgendein Aufstrich. Schaut komisch aus. Riecht aber super! „Aber sie nimmt die Maske eh nur ab wenn sie mit wem redet….die haben nichts verstanden!“ Was ist da drin? Ui voll frisches Brot! „Und mein Bruder, der Trottel, macht auch nix! Der lasst die zwei einfach so tun, wie sie glauben!“ Quentin macht sich dran, sich ein feines Brot herzurichten. Eigentlich eher eine Brettljause, weil er hat noch viel mehr feine Sachen in dem Sack gefunden, während sich seine Mitbewohnerin weiter in Rage redet.

Ramona betritt die Küche und fragt Quentin was mit Pandemia los ist und was das da für Sachen sind. Quentin klärt sie auf, dass die Sachen wohl von Pandemias Eltern kämen und die sich so aufregt, weil ihr Papa irgendwas vergessen hat. Ramona mustert die Ausbeute auf dem Tisch und stellt fest: „Na klar! Das Bier!“ Pandemia geht mittlerweile schimpfend auf und ab und gestikuliert wild herum: „Was denken die sich? Die sind beide über 70 und er ist seit vielen Jahren Diabetiker! Aber die alten Leute sollen daheim bleiben. Selber sind sie aber noch Teenager oder was?“  Wu Han betritt die Küche, angezogen vom Lärm, der ihn beim Candy Crush spielen gestört hat. „Was soll der Krach? Warum regt die sich so auf und was ist das da alles?“, fragt er. Ramona erklärt, dass Pandemia sich darüber aufregt, weil ihr Papa das Bier vergessen hat oder ihr Bruder Diabetiker ist, das wisse man grad noch nicht so genau und die Sachen offensichtlich dazu da wären um die hungrige Meute zu füttern. Das einzige was fehlt, ist halt das Bier aber was solls. „Und dann fahrt er 160 Kilometer zurück und dann fahrens noch ins Lagerhaus Pflanzerl kaufen. Die sind so deppert!“ „Apropos Pflanzerl, kannst du mir bitte die eingelegten Tomaten geben?“, bittet Quentin Ramona. Mittlerweile sitzen die Mitbewohner gemütlich um den Küchentisch und genießen ihr unerwartetes Festessen. „Und dann busselt er mich auch noch ab! Ich mein wozu machen wir das alles wenn die, dies betrifft dann eh in der Weltgeschichte herumgondeln und tun als wär nix? Hört mir hier eigentlich irgendwer zu?“ Vom Tisch her verstummt das fröhliche Geplapper und Geschmatze und drei Augenpaare schauen Pandemia an. Stille. Pandemia mustert einen nach dem anderen abfällig. Die Mitbewohner halten inne und schauen sich an. Sollten Pandemias Worte doch gehört worden sein?

„Quentin, ich hab deine Nachricht gelesen! Hilfst mir das Bier rauftragen?“, ist Kevins Stimme aus dem Vorraum zu vernehmen. „Schau Schatzi, der Kevin ist ein Guter. Der hat Bier mitgebracht! Jetzt musst dich nicht mehr so aufregen. Und bevor dein Papa das nächste Mal kommt, soll er dich einfach anrufen und fragen was wir sonst noch brauchen. Weißt, Nachbarschaftshilfe ist so wichtig in Zeiten wir diesen!“ Quentin klopft Pandemia triumphierend auf den Hintern und ist wahnsinnig zufrieden mit der Gesamtsituation. Pandemia seufzt resignierend, setzt sich an den Küchentisch und richtet sich ein Brot her.

Das Spiel

Tag 34. Ostern ist vorbei. Nicht dass das wichtig wäre. Ein Tag ist wie der andere. Die Bewohner der WG sitzen im gemeinsamen Wohnzimmer. Jeder geht still einer Beschäftigung nach, was so viel heißt wie, jeder starrt in sein Smartphone. Alle bis auf eine!

Barbara, alias Pandemia, steht am Fenster und seufzt. Nachdem offenbar niemand Notiz davon genommen hat seufzt sie nochmal, lauter. Quentin dreht den Ton von Candy Crush Saga lauter. Kevin setzt sich die Kopfhörer auf und schaut sich einen Vlog mit dem Titel „Mit kleinen Schritten zum großen Erfolg – die Geheimnisse der Führungsetage“ an. Wu Han schaut Katzenvideos. Nur Ramonas Helfersyndrom springt an.

„Mausi, was ist denn los?“, fragt sie. „Ach nix.“ „Na komm, sag es.“, bohrt Ramona nach. „Es ist nix, wirklich!“ „Bist du traurig?“, fragt Ramona weiter. „Oida bitte! Sie sagt doch es ist nix!“, schaltet sich Quentin in die Unterhaltung ein. „Ja aber wenn nix wär, würd sie doch nicht so dastehen und herumseufzen.“ „Bitte wir reden von der Babsi.“ „Pandemia wenn ich bitten darf!“, meldet sich Pandemia zu Wort. „Ja wie auch immer du dich nennen willst. Auf jeden Fall reden wir von ihr und bekanntlich hat sie eine Neige zum Drama.“ „Erstens gibt’s das Wort gar nicht in dem Zusammenhang und zweitens kann ich dich hören du Vogel!“ „Ich red aber gar nicht mit dir sondern nur über dich und zwar mir der Ramona, also halt dich gefälligst raus und den Vogel nimmst zurück!“ Pandemia holt tief Luft um Quentin ordentlich die Meinung zu geigen, als sich Ramona todesmutig zur Deeskalation in den Ring wirft und schreit: „Lasst uns doch was spielen!“

„Risiko!“, kommts wie aus der Pistole geschossen aus Richtung Couch. Wu Han scheint aus der Katzenstarre erwacht zu sein. „Ja Alter Risiko ist geil!“, pflichtet Kevin bei, der den Kopfhörer zumindest schon mal von einem Ohr genommen hat. „Na aber sicher nicht! Ich spiel doch nicht Krieg!“, entgegnet Ramona. „Dieses sogenannte Spiel widerspricht meiner pazifistischen Grundhaltung und sollte meiner Meinung nach verboten werden!“, führt sie weiter aus und Pandemia pflichtet mit einem knappen: „Genau!“, bei. „Alternativvorschläge?“, fragt Wu Han. „Activity haben wir schon lang nicht gespielt!“, meint Pandemia. „Aus gutem Grund!“, raunt Kevin von der Seite. „Ich kann nicht zeichnen, Quentin ist eine Niete und Pantomine kann er auch nicht und Wu Han hat sicher irgendein Talent aber Begriffe erklären ist es fix nicht.“ „Schnapsen?“ „Sind wir zu viele.“ „Mäxchen!“ „Kein Alkohol mehr da.“ „Würfelpoker?“ „Hab einen Würfel vom Balkon geschmissen.“ Fragende Gesichter richten sich auf Ramona. „Unabsichtlich!“, beteuert diese. „Uno!“ „Geh bitte und nach zehn Minuten streiten wir wieder, weil irgendwer eine +2 auf eine +4 legt und irgendwer anderer sagt, dass das gegen die Regeln ist.“ „Was es auch ist!“, sagt Wu Han an dieser Stelle. „Wir haben das aber immer schon so gespielt! Das sind quasi Hausregeln und wenn man die lang genug spielt, dann gelten sie!“, entgegnet Quentin und kriegt ganz rote Backerl. Bei Uno hört sich der Spaß auf für ihn. „DKT.“ „Da spiel ich nicht mit.“, sagt Pandemia. „Ich kann einfach nicht mit Geld umgehen.“ Quentin sagt: „Na dann können wir ja schnapsen wenn sie eh nicht mitspielt!“ „Ich hab gesagt, ich spiel nicht DKT! Was anderes würd ich schon spielen! Außer Risiko! Hör auf mir jedes Wort im Mund umzudrehen, du Vogel!“, sagt Pandemia deutlich lauter. „Jetzt hast schon zum zweiten Mal Vogel zu mir gesagt und den ersten noch gar nicht zurückgenommen!“ „Den nehm ich auch nicht zurück und den zweiten auch nicht, weil du …“ „Lotti Karotti!“, schreit Ramona. Allgemeines Schweigen.

Kevin setzt sich die Kopfhörer auf. Quentin widmet sich Level 2378. Wu Han studiert nun interessiert Kochrezepte. Ramona googelt „Pokerwürfel“. Pandemia steht am Fenster. Sie seufzt.

Die Nachbarin

„Frau Vyraldrek! Ich bin´s, der Kevin! Der Kevin von über ihnen. Also der oben drauf mein ich. Die Ramona schickt mich, ich soll sie fragen ob sie was brauchen!“

Aus dem Inneren der Wohnung, vor der Kevin steht, hört er schlurfende Geräusche und eine Katze miaut. Es könnten auch zwei oder fünf Katzen sein. Riegel werden entriegelt, Türketten entkettet, Schlüssel gedreht. Die Tür geht auf und Frau Elvira Vyraldrek erscheint in ebendieser.

„Was is´? Wer sind sie? Was wollen sie? Ich ruf die Polizei! Ach der Herr Kevin…Was wollen sie? Jetzt redens schon, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!“ „Frau Vyraldrek, die Ramona sagt, ich soll fragen ob sie was brauchen, weil ich jetzt zur Arbeit geh und da könnt ich ja gleich was mitnehmen für sie, falls sie was brauchen. Weil doch Osterwochenende ist und da ist am Montag zu, wissens und da hat sie halt gemeint, ich soll sie fragen.“, leiert Kevin, leicht genervt, seinen Text runter. Er kann sich schon denken was jetzt kommt.

„Mei das ist aber lieb von der Frau Ramona, dass sie an mich denkt. Die ist so eine nette Person! Ich weiß ja gar nicht wie sie das aushaltet da oben mit euch…Leuten. Also sie sind ja noch der Harmloseste, auch wenn ihre Zigaretten komisch riechen aber diese anderen…Leute da oben! Dieses blonde Flitscherl, kommt immer weiß Gott wann heim! Also jetzt ja grad nicht aber normal schon. In aller Herrgottsfrüh kommts oft erst daher und ich sags ihnen, oft ist die nicht nüchtern! Das sind keine guten Mädchen, die sich so umanandtreiben. Und dann dieser kleine Japaner!“ „Wu Han ist Chinese, Frau Vyraldrek.“, wirft Kevin ein. „Das ist doch eh alles das gleiche. Der hat das sicher eing´schleppt! Und dann noch dieser andere da, der Dings!“ „Der Dings heißt Quentin, Frau Vyraldrek.“, seufzt Kevin. „Was soll denn das für ein Name sein, frag ich sie? Diese neumodischen Namen, die diese Eltern heutzutage ihren Kindern geben. Da weiß man oft gar nicht obs Manderl oder Weiberl sind und ich sag es ihnen, diesen Kindern ist mit den Namen das Versagen schon in die Wiege gelegt! Glaubens mit das Herr Kevin!“ „Ja, Frau Vyraldrek.“, murmelt Kevin und schaut auf die Uhr.

„Was wollen sie eigentlich, Herr Kevin?“ „Die Ramona schickt mich, ich soll fragen ob sie was brauchen, weil doch Osterwochenende ist und da ist am Montag zu, wissens. Und ich bin eigentlich schon ein bissi spät dran, weil ich doch in die Arbeit muss.“, wiederholt Kevin brav seinen Auftrag. „Mei die Frau Ramona, die ist so nett! Immer fragts ob ich was brauch. Die ist wirklich sehr freundlich, die Frau Ramona. Die wird einmal einen guten Mann kriegen!“ Kevin rollt mit den Augen, seufzt nochmal und sagt: „Ja, Frau Vyraldrek, die Ramona ist wirklich so eine nette Person, ich muss ihnen da uneingeschränkt recht geben. Aber brauchen sie jetzt was oder nicht?“

„Ah ja, gut dass die Frau Ramona sie schickt. Ich würd schon ein bissi was brauchen, weil es ist ja Osterwochenende und da ist am Montag zu, wissens! Wenn sie so gut wären und mir ein Klopapier mitnehmen würden und den Gourmet Aufschnitt vom Hofer, der ist dort einfach am besten und wenns schon beim Hofer sind, dann nehmens mir auch gleich noch einen Bergbauerntopfen mit aber nicht den fettreduzierten, gell! Das Klopapier nehmens aber nicht vom Hofer, da mag ich lieber das vierlagige von Zewa. Das gibt’s eh beim Bipa. Einen Tiroler vom Mann Bäcker tät ich brauchen. Einen Butter, den könnens eh auch von Hofer nehmen. Ein Apferl, ich bin ja allein wissens, und a Milch. Die vom Spar, die rot-weiße Packung, na sie sehens dann eh. Und dann brauch ich noch unbedingt ein Futter für meine Katzerl, gell. Das kriegens beim Fressnapf. Da hab ich ihnen die Marke aufgeschrieben. Da nehmens mir aber gleich ein bissl mehr. So 15 -20 Dosen. Die gibt’s mit 200 und mit 400 Gramm. Nehmens gleich die Großen.“ „Frau Vyraldrek, ich geh ja nur zum Billa! Zum Arbeiten, wissens?“

„Aso, na dann brauch ich nix.“, sagt Frau Elvira Vyraldrek und macht die Tür zu.

Die Milch

„Was?“ „Was, was?“ „Ja, was?“ … „Was willst du?“ „Nein. Du willst doch was!“ „Willst du mich verarschen?“ „Ist das eine Fangfrage? Du schreist doch herum!“ „Ja eh!“ … „Also nochmal: WAS?“ „Die Milch, Quentin! Die Milch!“

Quentin schaut Ramona fragend an. Die wiederum schaut ihn auffordernd an und wachelt mich einem Milchpackerl herum. Quentin überlegt was es mit diesem Milchpackerl auf sich haben könnte und plötzlich ändert sich sein Gesichtsausdruck. „Ui.“, sagt er. Mehr nicht. „Ui? Mehr fallt dir nicht ein? Du lasst sechs Liter Milch draußen stehen und mehr als ui fallt dir nicht ein???“. Naja, was soll man da jetzt groß sagen. Möglicherweise ist es ihm, unter Umständen passiert, dass er eventuell die Milch nicht wieder in den Kühlschrank geräumt hat nach seinem Training gestern.

Nachdem nämlich sein Gym seit Wochen zu ist und laufen echt kein Sport ist, macht er halt ein bissi Gewichttraining mit dem was er findet. Im aktuellen Fall warens eben die Milchpackerl. Das geht gut, wenn man sie in ein Sackerl packt und anhebt. Not macht erfinderisch und er hat sich schon überlegt ob er seine Fitnessweisheiten nicht zu Geld machen soll! Quentins Gedanken drehen sich um YouTube Channels und Insta Storys, was auch deutlich an seinem Gesichtsausdruck zu erkennen ist. Versonnen schaut er in die Luft und sieht sich selbst schon als DER Fitnessguru mit Millionen von Followern. Voll leiwand!

Das bringt Ramona nur noch mehr auf die Palme. Ausgerechnet ihr, der sonst so ausgeglichenen und fröhlichen Ramona, passiert sowas. Dem Sonnenschein in dieser seltsamen WG. Der, die immer alles im Griff und zu jedem Problem eine Lösung parat hat. Eigentlich würde sie sich nicht so aufregen, wäre es nicht Tag 25 der Ausgangsbeschränkungen und wäre sie nicht seit 25 Tagen an diese Wohnung gefesselt! Wobei die Wohnung nicht das eigentliche Problem ist, sondern deren Bewohner. Aber Ramona tut, was Ramona immer tut in Konfliktsituationen: sie lächelt sie weg! Aber innen drin, ganz innen drin, da brodelts.

Quentin räumt das Feld und trifft im Gang auf Wu Han, der vor der Badezimmertür steht und dagegen klopft: „Pandemia, jetzt komm endlich raus! Hier wohnen auch noch andere Leute!“ Aus dem Inneren des Badezimmers ist leises Wimmern zu vernehmen unterbrochen durch herzzerreißendes Schluchzen. Doch Antwort kriegt er keine. Er bumpert weiter an die Tür. Wenn er was gelernt hat, dass ist es, dass man nur mit Hartnäckigkeit ans Ziel kommt.

Außer man hat es mit einer recht sturen Waldviertlerin zu tun, deren Haupthaar nach nunmehr vierwöchiger Friseurabstinenz, nicht mehr ganz so blond war, wie gewohnt. Dieser Umstand hat Pandemia dazu bewogen, dem Problem mit einer, von Kevin mitgebrachten, Haarfarbe vom Billa zu Leibe zu rücken. Was sich als zweitbeste Idee herausgestellt hat, weil sie nun ausschaut wie ein Glückskatzerl! Die Verzweiflung ist ihr ins Gesicht geschrieben, als sie nun ruckartig die Tür aufreißt, den verdutzten Wu Han anknurrt und türenknallend, mit wallender, dreifärbiger Mähne in ihr Zimmer entschwindet. Wu Han und Quentin zucken mit den Schultern. „Die Babsi halt.“, sagt Quentin und zieht sich ebenfalls zurück.

Kevin schlurft in die Küche. Nicht, weil er müde oder erschöpft ist, sondern weil das seine ganz normale Fortbewegungsart ist. „Ist Milch da?“

Die Gang

IMG_9007„Quentin Quarantino!!!!“, schallts durch die Wohnung. Quentin kann das mittlerweile auch ohne Kopfhörer total gut ausblenden. Da steht er voll drüber. Vor ein paar Tagen hat er als Reaktion wenigstens noch mit den Augen gerollt. Mittlerweile ist ihm sogar das zu anstrengend.

Eigentlich ist er nicht so! Eigentlich ist er eine echte Sportskanone. Richtiger Sport. Gewichte stemmen und ordentlich pumpen. Nicht laufen oder so ein Blödsinn. Da nun aber das Fitnesscenter geschlossen hat und laufen eben kein Sport ist, muss er erfinderisch werden. Was höchstwahrscheinlich der Grund für Ramonas Gebrüll ist.

Ramona Corona. Eine entzückende Person. Geduldig. Kreativ. Kinderlieb. Perfekte Grundvoraussetzungen für ihr Elementarpädagogikstudium. Aber mittlerweile ist er kurz, der Geduldsfaden. Eine Horde Dreijähriger ist mit einem entspannenden Waldspaziergang zu vergleichen im Gegensatz zu diesem Wahnsinn hier!

Der Wahnsinn lässt Kevin völlig kalt. Nicht weil ihn die Situation an sich kalt lässt aber er ist halt vom Typ her eher tiefenentspannt. Immerhin hat er, als einziger in der Bude, ein fixes Einkommen! Und er wurde befördert! Zum Abteilungsleiter! In der Obst- und Gemüseabteilung beim Billa. Manchmal fragt er sich schon was aus ihm hätte werden können, wenn er das Jusstudium durchgezogen hätte. Oder das Soziologiestudium. Oder BWL. Aber hey! Kevin Covid, Abteilungsleiter. Und das mit nicht mal 34! Unendliche Möglichkeiten!

Die hatte auch Pandemia vor Augen als sie vor mittlerweile drei Jahren aus Rappottenstein im Waldviertel in die Großstadt zog um sich ihren Traum, eine große Schauspielerin zu werden, zu erfüllen. Gelandet ist sie allerdings etwas südlich von Wien und die Schauspielkarriere lässt auch auf sich warten. Bis auf einen kleinen Werbespot für Blasenpflaster, in dem dann nur ihre Füße zu sehen waren, waren die Angebote überschaubar. Vielleicht war die Wahl ihres Künstlernamens doch nicht die Beste. Aber wer engagiert schon jemanden mit dem klingenden Namen Barbara Fischberger? So hält sie sich eben mit kellnerieren über Wasser. Normalerweise. Das Beisl hat jetzt aber zu und somit ist sie auf die Unterstützung durch ihre Eltern angewiesen.

Genau wie Wu Han von der Unterstützung durch seine Eltern abhängig ist. Aber das ist bei ihm normal. Immerhin haben sie ihn hierher geschickt, um zu studieren. Ausgerechnet Kunst. Oida Kunst! Wen interessiert denn Kunst? Aber so ist er wenigstens dem engen Korsett des Elternhauses entkommen. Sie sind halt der Meinung, dass er dann bessere Chancen hat wenn er zurück kommt. Dann mal. Wenn er fertig ist. Sowas kann ja bekanntlich dauern! Er wollte seine Eltern besuchen in den Semesterferien. Sie wollten aber nicht, dass er kommt, weil die Region in China aus der er stammt, zu dem Zeitpunkt schon mitten drin war in der Epidemie. Also war er Schifahren. In Ischgl.

So sitzen sie also nun seit 24 Tagen in der Wohnung fest. Mehr oder weniger. Irgendwie zusammen aber doch getrennt. Jeder für sich aber doch nicht einsam.

„Quentin, verdammt!“

Irgendwas

Irgendwas ist komisch. Kennt ihr das? Man kanns nicht genau benennen aber irgendwas ist komisch. Es läuft einfach nicht rund zur Zeit. Das Leben. Ich kann gar nicht benennen was genau unrund rennt. Irgendwas ist komisch!

Es scheint als würde man alle paar Jahre auf die Probe gestellt werden. Man wägt sich in Sicherheit. Es plätschert so dahin. Keine Mega-Ereignisse, was ja nicht immer schlecht ist. Schön ruhig und geregelt. Alles ist gut! Und plötzlich scheinen sich höhere Mächte gegen einen zu verschwören und die flüstern dem Universum ins Ohr: „Du Universum! Die da ist schon viel zu lange zufrieden!“ Das Universum sagt: „Stimmt.“, und präsentiert die gesamte Bandbreite der Widrigkeiten, die es so im Lager finden konnte. Nichts geht mehr. Es stockt, ist zäh, hakt an allen Ecken und Enden und macht vor keinem Lebensbereich halt. Plötzlich ist das sonst so robuste, mittelgroße Kind dauerkrank. Die Auftragslage ist bescheiden. Die Forderungen werden aber gleichzeitig nicht weniger. Alles wird infrage gestellt. Und ehe man sichs versieht, schlittert man in eine mittelschwere Krise. Man sieht sich mit Herausforderungen konfrontiert, denen man augenscheinlich nicht gewachsen ist. Die Ansprüche an einen und die, die man an sich selbst stellt, können nicht erfüllt werden. Man verliert den Boden unter den Füßen und weiß gar nicht wo man ansetzen soll um einen Weg herauszufinden aus dieser allumfassenden Krise.

Trotz aller Emotionen einen kühlen Kopf zu bewahren, ist nicht einfach. Sachlich zu bewerten. Nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Es geht darum, nicht den Mut zu verlieren. Es geht weiter. Irgendwie geht es immer weiter. Man darf sich den Optimismus nicht nehmen lassen. Den Kampfgeist. Muss sich aufrappeln, dem Universum trotzig die Stirn bieten und sagen: „War´s das oder hast du noch was in Petto? …. Du Arschloch.“

Es gibt eine Lösung. Ich weiß es einfach. Noch seh ich sie nicht aber sie ist da! Ich hab sie nur noch nicht gefunden. Aber wenn es so weit ist, werd ich mir denken: “ Klar! Warum mir das nicht früher eingefallen ist?“ Es muss wohl so sein, dass es alle paar Jahre irgendwie komisch wird. Damit man sich wieder spürt und sich drauf besinnt was man hat und nichts selbstverständlich ist. Dankbarkeit empfindet für die Liebe, die einen umgibt. Die Menschen, die einen begleiten, grad wenns schwierig wird. Es gibt eine Lösung!

Krieger, grüß mir die Sonne!

Jetzt bin ich ja kein wahnsinnig sportlicher Mensch. Ab und an hampel ich im örtlichen Fitnessstudio herum aber momentan fehlt es mir an Motivation. Der bereits beschriebene Schweinehund beweist zur Zeit erstaunliches Sitzvermögen und mag einfach nicht raus sondern viel lieber noch ein Punschkrapferl. Aber die Notwendigkeit zur Bewegung wäre halt schon gegeben, zumal ich schon wieder ein Jahr älter geworden bin und die körperlichen Wehwehchen nicht weniger werden. Zumindest nicht von allein.

Ich hab Rücken. Das ist zum Teil meiner knotzenden Körperhaltung geschuldet und zum anderen der Tatsache, dass ich mir die Nächte seit ein paar Wochen im Zusatzbett im Kinderzimmer um die Ohren schlage. Die Matratze dieses Bettes war nie dafür gedacht dort wochenlang zu campieren, sondern eher als  Möglichkeit ein womöglich kränkelndes Kind betreuen zu können ohne alle zehn Minuten die eigene Schlafstatt verlassen zu müssen. Nun steckt das mittelgroße Kind aber in der 6-Jahres-Krise, ja die gibt´s wirklich, und weil ich keine Energie übrig habe um mich allabendlich in Diskussionen zu verstricken, schlaf ich halt bei ihr. Gute Lösung ansich, wäre da nicht diese Matratze. Sicher, man könnte eine bessere kaufen aber wie lang kann so eine Krise schon dauern? Bitte ich wills gar nicht wissen!

Ich hab also Rücken. Nicht arg. Aber trotzdem. Nun hat es sich ergeben, dass sich da diese fabelhafte Mamagruppe gebildet hat über die ich auch schon geschrieben habe. Meine großartigen Bad Moms! Ein außergewöhnlich talentierter, vielseitiger Haufen. Und in ebendiesem Haufen findet sich Julia. Julia ist so ein lieber Mensch und das meine ich im positivsten aller Sinne. Großzügig, herzlich, ehrlich, lustig und einfach nett! Und sie macht Yoga! Ja ich weiß, Yoga liegt grad im Trend wie Veganismus, Elektroautos und Neuwahlen. Aber die Julia hat das schon lang gemacht bevor es hip wurde. Die Frau weiß wovon sie redet.

Ich weiß nicht wie oft sie schon gesagt hat, ich soll doch mal zum Yoga kommen. Aber irgendwas ist halt immer, das kennen wir ja alle. Gestern hats aber gepasst! Endlich. Wer mich kennt weiß, ich red manchmal viel. Als ich dann aber so auf der Matte lag und Julia mit ihrer Yogastimme losgelegt hat, war mir gar nicht so nach reden. Sondern nach hineinspüren und runterkommen. Loslassen und abschalten. Atmen.

In den folgenden 90 Minuten kam ich trotz der wirklich langsamen Bewegungen ordentlich ins schwitzen! Jeder, der Yoga belächelt solls bitte mal versuchen. Ich hab den Verdacht, dass das gestern mehr so die Einsteigervariante war aber das war schon anstrengend! Im Grunde wie eine Bauch-Bein-Po Einheit aber mit dem großen Unterschied, dass alles ohne Druck sondern im Einklang mit den eigenen Fähigkeiten und der eigenen Geschwindigkeit stattfindet. Untermalt von Julias Yogastimme, die übrigens gut eine Oktave tiefer ist als die normale Juliaerzählstimme.

Ich weiß nicht wann ich das letzte Mal so bei mir war. Richtig in mich hineingespürt habe, Bewegungen bewußt ausgeführt habe. Ich gebe zu, beim Sonnengruß bin ich ausgestiegen. Krieger, Hund und wasweißich waren für mich als blutigen Einsteiger dann doch zu kompliziert in ihrer eigenwilligen Abfolge. Ich weiß auch gar nicht warum ich in rabenschwarzer Nacht die Sonne grüßen soll, wenn die doch schlaft! Aber das lern ich schon noch. Trotz der zu kurzen Arme. Weil die Julia sagte, dass ich mich gar nicht so blöd angestellt hab! Und war überdies erstaunt, wie still ich sein kann wenn ich will. Was den lieben Stefan zu der verzichtbaren Bemerkung hingerissen hat, wir sollten doch öfter Yoga machen. Das hab ich bitte gehört!

Lange Schreibe, kurzer Sinn: Der Rücken ist entspannt, Yoga ist Sport, Julia ist super. Letzteres habe ich vorher schon gewußt aber seit gestern find ich sie noch superiger als bisher.

Schlafenszeit

Ich brauch nicht wahnsinnig viel Schlaf. Gott sei dank, weil ich krieg auch nicht wahnsinnig viel Schlaf.

Seit ein paar Jahren, fast sechs um halbwegs genau zu sein, wohnt eine wandelnde Schlafstörung bei uns. Wobei das mittelgroße Kind nicht im eigentlichen Sinn wandelt, zumindest nicht in der Nacht. Nein, es lässt wandeln und zwar mich! Wozu hat man schließlich Personal!

Zu Anfang war ich sowieso im Versorgungsmodus, da geht viel mit sehr wenig Schlaf. Kurz bevor ich zum Mambie (Mama+Zombie) geworden wäre, hat sich das Schlafverhalten des Terrorzwergs merklich verändert und zwar dahingehend, dass ich aufgegeben habe meine Willen durchsetzen zu wollen. Es wurde ein anderes Bett angeschafft und zwar eines mit einem zweiten Bett unterm Bett. Also nicht übereinander wie ein Stockbett sondern mehr ineinander. Ein zwei-in-einem-Bett. Der Gedanke dahinter war ein praktischer. Wenn das Ding schon da ist, kann ich mich zum vorlesen ja auch genausogut da reinlegen als irgendwo herumzulungern und wenn sich mal ein Übernachtungsgast ankündigt, ist auch Platz. Voll schlau!

Das mittlerweile bereits recht mittelgroße Kind bestand zu diesem Zeitpunkt darauf, und das sehr beharrlich, nicht alleine schlafen zu können. Also es wollte nicht nur nicht, es konnte nicht. Unmöglich. Unter keinen Umständen. Als halbwegs vernunftsbegabter Erwachsener wägt man dann ab was wichtiger ist: die Möglichkeit in aller Frühe beim ersten Mamakrähen annähernd ausgeruht zu sein oder der ohnehin aussichtslose Versuch dem Kind erklären zu wollen warum es sehr wohl alleine schlafen kann. Schlaf gewinnt. So passierte es doch immer öfter, dass ich in der Wartezeit, bis das kindliche Schnaufen gleichmäßig auf tiefen Schlaf schließen ließ, selbst eingeschlummert bin. Das war dann aber auch blöd, weil ich um 23:00 relativ ausgeruht aufgewacht bin und dann bis um 2:00 ferngeschaut habe und um 6:00 erst recht wieder reichlich übermüdet aus der Wäsche geschaut hab.

Wie alles andere hat sich das mit der Zeit aber eingependelt. Das mittelgroße Kind war dann doch irgendwann bereit, nach der Gute-Nacht-Geschichte alleine einzuschlafen und auch die Häufigkeit der durchgeschlafenen Nächte ist gestiegen. Man sollte meinen, dass damit auch mein Schlafpensum gestiegen ist! Wäre es wahrscheinlich auch wenn ich vor rund einem Jahr nicht die grandiose Idee gehabt hätte, dass es Zeit für ein oder zwei Haustiere wäre. Ich kann also nicht mal irgendjemanden beschimpfen, wenn ich sonntags um 4:47 von herzzerreißendem Miauen gepaart mit konsequentem Kratzen, an just immer der Tür hinter der ich mich befinde, geweckt werde. Mit etwas Glück werde nur ich munter und bewache fortan den Schlaf der Restfamilie bis das mittelgroße Kind zum ersten Mal mamakräht.

Ich bin aber davon überzeugt, dass auch das nur eine Phase ist. Glücklicherweise brauche ich nicht wahnsinnig viel Schlaf.

Blood, Sweat & Tears – Woodstock der Blasmusik

Da freut man sich fast ein ganzes Jahr auf ein bestimmtes Ereignis und kaum hat man „Nein, wir spielen nicht drüber!“, 24mal gesagt, ist es schon wieder vorbei!

Die Schlacht ist geschlagen. Vergangenes Jahr wars eine Schlammschlacht. Dieses Jahr war uns der Wettergott gewogen und hat uns mit Sonnenschein von einem strahlend blauen Himmel verwöhnt. Und ungetrübtem Sonnenschein. Mit ohne Wind. Was die Temperaturen dazu veranlasst hat zu steigen und zu steigen und weiter zu steigen. Gutes Wetter schafft auch gute Stimmung! Eigentlich überall.

So konnte man dieses Jahr unzählige Gäste musizierend in der Antiesen beobachten. Oder plantschend am Woodbeach. Gemütlich im Schatten sitzend ein kühles Getränk geniesen. Nicht so die vielen, vielen fleißigen Helferleins, die im Hintergrund damit beschäftigt waren, dass alles so rennt wie es eben rennen soll. Reibungslos. Was haben wir geschwitzt! Hinter, neben, vor und auf den Bühnen. Ich hab in den vier Tagen so vielen Männern nasse Shirts ausgezogen wie mein ganzes bisheriges Leben zusammengerechnet nicht. Und das ohne jeden Hintergedanken! Man konnte gar nicht so viel Wasser nachfüllen wie man rausgeschwitzt hat. Es gab kein Entrinnen. Schönes Wort in dem Zusammenhang. Erst ab 22:00, wenn die schwarze Luft endlich da war, war mit Abkühlung zu rechnen. Bis dahin war der T-Shirt Verschleiß enorm. Soviel also zum Schweiß.

Das mit dem Blut hat sich glücklicherweise in Grenzen gehalten. Ich kann von keinen handgreiflichen Zwischenfällen aus den Reihen der Gäste berichten. Es ist eben das friedlichste Musikfestival wo gibt. Allerdings war das Gelsenaufkommen hoch! Für die bundesdeutschen Freunde: Stechmücken. Ganz hinterfotzig sind sie förmlich über uns hergefallen, kaum dass die Sonne Anstalten gemacht hat unterzugehen. Ich hab bei 30 Stichen am Rücken aufgehört zu zählen.

Tränen hab ich immer dann in den Augen wenn tausende Gäste zu ihren Instrumenten greifen und gleichzeitig gemeinsam musizieren. Das Gesamtspiel ist ein beeindruckendes, einzigartiges Schauspiel, bei dem man Jahr für Jahr sieht wie sehr Musik verbindet. Nochmal feuchte Augen sind garantiert wenn es dann am Sonntag ans verabschieden geht und das Ereignis, auf das man sich ein Jahr gefreut hat wieder vorbei ist. Nicht für alle! Weil nach dem Woodstock ist für viele vor dem Woodstock und schon kurz nachdem die letzten Töne verhallt und der letzte Gast das Gelände verlassen hat beginnen die Ab-, Um- und Aufbauten für das nächste Ereignis. Es ist mir schleierhaft woher man nach bereits kräftezehrenden Wochen der Schwerarbeit noch Reserven mobilisieren kann! Ich bin ja jetzt erst mal eine Woche müde und ich war nur fünf Tage dort!

Es erfüllt mich Jahr für Jahr mit Stolz ein kleines Rädchen in der großen Woodstockmaschine sein zu dürfen. Nichts ist so anstrengend. Aber nichts ist auch gleichzeitig so beglückend. Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die Freundschaften, den Zusammenhalt und die Erkenntnis, dass Blasmusik soviel mehr ist, als das was man vom örtlichen Volksfest kennt und ich werde nicht müde diese Botschaft in die Welt zu tragen. Love, Peace & Blasmusik.

 

Bad Moms

Es gibt viele Arten von Müttern. Solche die ihre Bestimmung in der Mutterschaft gefunden haben und am liebsten 18 Kinder hätten, weil sie es als erfüllend empfinden den Nachwuchs heranwachsen zu sehen und aufopfernd die eigenen Bedürfnisse hintenan stellen können. So eine bin ich nicht.

Es gibt Mütter, die eine Engelsgeduld aufbringen und nicht müde werden den Ablegern dies und das zum 820sten Mal zu erklärten. In ruhigem Ton. Solche die nie laut werden und alles mit einer Leichtigkeit schupfen. Kind, Beruf, Haushalt, Mann. Die mit einer Erhabenheit über den Ereignissen thronen und alles fest im Griff haben. So eine bin ich auch nicht.

Ich bin eher die Dauergestresste. Die, egal wo sie ist und was sie tun, immer das Gefühl hat eigentlich woanders sein zu müssen. Die deren Geduldsfaden schon um 6:23 so kurz ist, dass sie am Rande des Nervenzusammenbruchs steht. Abhängig von der Tagesverfassung. Ich bin die, die verzweifelt versucht alles unter einen Hut zu bringen und es allen recht zu machen versucht und dann doch immer wieder scheitert. Ich bin die, die oft an ihrer Fähigkeit eine gute Mutter zu sein zweifelt. Die der es nicht leicht fällt und die oft das Gefühl hat der Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Auch wenn es von der Umwelt anders wahrgenommen wird. Ich bin die mit der permanenten Angst irgendwas falsch zu machen. Wozu es objektiv gesehen gar keinen Grund gibt. Ich bin eine, die gern perfekt wäre aber an den eigenen Ansprüchen scheitert. Das geht an die Substanz.

Aber ich bin nicht allein. Ich kenne ein paar Mütter, die sind wie ich. Wir haben uns durch Zufall gefunden. Jede ist einzigartig. Wir haben völlig unterschiedliche Berufe, verschiedene Lebensmodelle. Es ist schwer sich selbst seine Unzulänglichkeiten einzugestehen. Noch schwerer ist es, das vor anderen zu tun. Aber plötzlich merkt man, man ist nicht allein! Es gibt da noch andere, die genauso an sich zweifeln! Die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben! Denen auch hin und wieder eine Situation entgleitet. Für die Selbstbestimmung seit der Geburt der Kinder auch ein Fremdwort geworden ist. Und man denkt: “ Was für ein Scheißglück, diese Frauen gefunden zu haben!“

Wir treffen uns einmal im Monat. Ohne Kinder! Wir gehen essen, plaudern, besprechen Probleme, geben uns Tipps. Wir unterstützen einander wenns mal eng wird. Bauen uns gegenseitig auf, nehmen uns in den Arm und atmen durch, weil wir wissen, wir sind nicht allein. Wir vertrauen einander. Wir bestärken und stützen uns. Wir sind weit entfernt von irgendeiner Perfektion. Aber das macht nichts. Wir sind halt bad Moms!